Mit dem Zweiten ändert sich alles...

Mit dem Zweiten ändert sich alles - das habe ich im letzten Jahr so oft gehört. Ich wollte es nie abstreiten, denn immerhin kommt ein weiters Familienmitglied hinzu. Nach dreieinhalb Jahren, in denen wir die Dreisamkeit geübt haben, gab es den Wechsel zur Viersamkeit. Ich hatte auf weibliche Unterstützung gehofft, stattdessen hat sich meine Männerriege zuhause vergrößert. Was sollte sich also nun ändern?
Ich kannte bereits die Socken, die hinter den Türen versteckt wurden, weil der Wäschekorb so unfassbar weit weg ist. Der Sommer hat mich mit der Problematik "Im Stehen an den Busch im Garten pinkeln, ohne sich auf die Schuhe zu machen" vertraut gemacht (ich hätte nie gedacht, dass dies eine Sache ist, die Männer üben müssen. Ich dachte immer, das können die einfach). Als dieses Können vermittelt war, stand ich vor der Problematik es verständlich zu machen, dass man das nur draußen tut! Und nicht zuhause! In den Topf! Der im Kinderzimmer neben dem Spielteppich steht... Zielen muss man übrigens auch üben....
Und ich kenne das unfassbare Leiden eines Mannes bei der fast-tödlichen Erkrankung namens Männerschnupfen. Ja, auch Männer, die erst drei Jahre alt sind, leiden unfassbar darunter. Ich erinnere mich zu gut an eine Nacht, in der mein Kobold zu uns ins Bett kam, irgendwann an mir rüttelte und nasal zu mir sprach: "Mama, mir gehts so schlecht!" Er hatte nur Schnupfen...
In Zukunft sollte ich also drei von der Sorte zuhause haben...

Man hat mir gesagt, dass es für den Kobold eine Umstellung sein werde. Dass er damit zu kämpfen habe, seine "Stellung" verloren zu haben. 
Man hat mir gesagt, dass es den gesamten Familienrhythmus verändert. Man fängt völlig von neuem an, sich zu orientieren. Das zweite Kind krempelt das Leben nochmal komplett um.
Ich habe versucht mir davon ein Bild zu machen. Versucht mir vorzustellen, wie der Kobold reagiert. Ich habe mich auf "Wann geht das Baby wieder weg?" und Desinteresse eingestellt. Ich habe mich auf noch mehr Wäsche eingestellt. Aber ich habe auch gedacht, dass wir das ganz locker schaffen. Schließlich sind wir ein eingespieltes Team, was sich den Haushalt gut aufteilt und an einem Strang zieht. Und ich würde ja zuhause sein. Sehr viel mehr Arbeit im Haushalt dürfte es ja auch nicht sein, denn schließlich würde der Kleine am Anfang noch kein Spielzeug in der Wohnung verteilen oder Geschirr produzieren, da es ja frische Mamamilch geben würde.
Wenn mein jetziges Ich auf mein Vergangenheit-Ich treffen würde und mir das erzählen würde, ich würde es schallend auslachen.

Unser Mucki ist jetzt 9 Wochen alt und bis jetzt hat der Kobold noch nie gefragt, wann er endlich wieder weg geht. Ganz im Gegenteil - er liebt seinen Bruder, so dass wir manchmal aufpassen müssen, dass er in seiner ungestümen Zuneigung seinen Bruder nicht kaputt drückt. Oder ihn mit seiner verrotzten Nase knutscht, denn so sehr meine großen Männer bei Schnupfen leiden können, der Mucki kann es noch mehr! Mundwinkel nach unten, leidvoll mit dem ganzen Körper niesen und im Anschluss mit leidendem Blick wimmern - ja, auch mit 9 Wochen ist der Nah-Tod-Männerschnupfen, den man sich beim großen Bruder geholt hat, perfektioniert! Und weil der Kobold seinen Bruder so unfassbar liebt, möchte er auch stets dafür sorgen, dass es ihm gut geht. Der Kleine muss nur fünf Sekunden zu lange weinen, schon bekomme ich einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen mit den Worten: "Mama, nun mach endlich die Brust frei! Mein Bruder hat Hunger!" Oder aber, die beiden sitzen hinten im Auto, der Kleine beschwert sich lauthals über seinen knurrenden Magen, während der Große ihm tröstend zuspricht: "Ist ja gut. Nur noch 6 Ampeln, dann sind wir zuhause. Und dann macht die Mama die Brust frei und du kannst was essen." Ja... danke. Da fühlt man sich gleich wieder wie eine Muh-tter...
Aber natürlich ist auch ein bisschen Eifersucht dabei. Vor allem auf den Fakt, dass der Mucki im großen Bett schlafen darf. Die Erklärung, dass er ja in seinem eigenen Bett schläft, dass eben zufällig an Mamas und Papas Bett dran steht, interessiert den Kobold verhältnismäßig wenig. Nämlich gar nicht. Wenn er mir also nicht meinen Mann nachts aus dem Bett entführt ("Ey, Papa! Los, nimm deine Decke und komm mit zu mir kuscheln!"), dann kommt er eben in unser Bett. Mit seiner Daunenwinterbettdecke. Und den Giraffen. Und dem Hasen. Und dem Kamel. Und seinem Kissen. (Man beachte: in unserem 1,80m breiten Bett liegen bereits zwei Kissen, mit zwei erwachsenen Menschen eingekuschelt in zwei 2m mal 2,20m große Bettdecken...). Meistens kurz bevor ich nachts stillen muss. Wenn dies dann der Fall ist, der Kleine also seinen knurrenden Magen anmeldet, muss ich zunächst einmal die Platzsituation sondieren. In der Regel liege ich schon fast mit im Beistellbett und der Kobold liegt direkt an meinem Rücken. Nein, er liegt dort nicht einfach - er klebt dort! Ich versuche ihn also langsam zu meinem Mann zu schieben, was nicht funktioniert, da er immer wieder direkt zurück an mich rutscht. Nach mehreren Versuchen sind wir dann auch wirklich ALLE wach und ich bitte verschlafen und mit mäßiger Laune (wer bitte hat nachts halb drei gute Laune?) um ein bisschen mehr Platz zum Stillen. Kaum liege ich wieder und der Mucki ist angedockt, kommt mein Kobold von hinten über mich geklettert: "Mama, mach mal Licht! Ich will zugucken und meinen Bruder streicheln!" Nachts... halb drei...
Normalerweise bringen wir den Kobold abends aber erstmal in sein Bett, immer mit der leisen Hoffnung eine Nacht mit nur einem Kind im Schlafzimmer zu verbringen, was aber ab zwei, drei Uhr nicht mehr der Fall ist. Und normalerweise teilen wir uns auf: Einer bringt den Großen ins Bett, der anderen den Kleinen, damit wir danach Zweisamkeit haben können. Oder uns wieder in das Haushaltshamsterrad stürzen können, aber dazu komme ich ein anderes Mal. Heute hatte ich die ehrenvolle Aufgabe beide Jungs ins Bett zu bringen. Erst den Kobold, dann den Mucki. 
Schwierigkeitspunkt Nr. 1: Der Mucki lässt sich nicht ablegen. Tagsüber niemals. Das heißt ich habe ihn immer im Tragetuch, der Babytrage oder auf dem Arm. So auch heute beim ins Bett bringen. Nach dem Sandmann und einer vorgelesenen Geschichte (versucht mal, eine Buchseite umzublättern mit zwei Kindern im Arm!) sind wir also alle ins Kuschelhaus gegangen (so heißt das Bett vom Kobold), um dort noch etwas dem sprechenden Elefanten zuzuhören und dann (eigentlich) zu schlafen - zumindest der Kobold. Der war aber so entzückt davon, dass sein kleiner Bruder dabei war, dass an Schlafen nicht zu denken war. Irgendwann hatte ich ihn aber doch davon überzeugt und hab mich rausgeschlichen, um den Kleinen bettfertig zu machen und ins Bett zu bringen. Womit wir bei Schwierigkeitspunkt Nr. 2 wären: Der Kleine hatte vorher 3h im Tragetuch geschlummert und war topfit. Er lag also jauchzend und pupsend in seinem Bett - an Schlaf war nicht zu denken. Als ich ihn, dann fast soweit hatte, stand mein Großer am Bett: "Ich will auch im großen Bett schlafen." Guuuut...  (da hat auch der Kleine wieder fröhlich gejauchzt. War der nicht gerade fast eingeschlafen?) 
Also lag ich dann zwischen meinen beiden Kindern in unserem Ehebett (es gehört also eigentlich meinem Mann und mir!) in einer wilden Verrenkung, sodass ich beide in den Schlaf streicheln und kuscheln konnte und habe erneut ein Schlaflied angestimmt. Reaktion meines Großen: "Nein, Mama. Ich will nicht, dass du singst. Das ist nicht schön!" Danke! Aber trotzdem weiter, Mucki gefällt es schließlich und dem Kobold früher eigentlich auch mal...
Nach einer guten halbe Stunde mit vielen Küsschen, zwei Liedern, diversen Positionsveränderungen des Koboldes, die bei mir noch merkwürdigere Verrenkungen erforderten, saß ich dann zwischen meinen beiden Jungs, die ins Traumreich hinübergesegelt waren. Nun noch leise, ohne die knarrenden Dielen zu erwischen, das Bett und Zimmer verlassen und dann... dann kann man sogar mal in aller Ruhe auf der Couch sitzen und schreiben. Was für ein Leben.

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